Leicht wie eine Feder
von Kathrin Eimeis, "Jugendstil" (taz Hamburg)

Mein Herz schlägt schnell und hart gegen die Rippen. Ich spüre, wie ein Schweißtropfen von meiner Stirn über die linke Wange läuft und kurz am Kinn hängen bleibt, bevor er schließlich auf mein T-Shirt tropft. Ich renne. Ich laufe nicht, ich jogge nicht, ich renne. Man muss rennen. So schnell rennen wie man kann, so schnell, dass man das Gefühl hat, fast loszufliegen. Aber ich bin dafür nicht leicht genug, noch nicht, das weiß ich. Ich muss noch viel rennen, um leicht genug zu sein.

Das ist mein großes Ziel: Leicht zu sein wie eine Feder. Dann könnte ich in den Himmel aufsteigen, mich vom Wind treiben lassen, und wenn ich keine Lust mehr hätte zu fliegen, würde ich mich auf einer Wolke ausruhen, weit weg von allem. Es muss ein schönes Gefühl sein, so leicht zu sein, dass die Luft einen trägt, so leicht zu sein, dass auch die Gedanken ganz leicht sind und davonfliegen und man sich frei fühlen kann. Beim Rennen werden meine Gedanken manchmal auch schon leicht. Ich konzentriere mich dann auf meinen keuchenden Atem, auf mein pochendes Herz und die Hitze, die sich in meinem Körper ausbreitet und alle Gedanken verdrängt. Dann fühle ich mich gut.

Aber das klappt nicht immer. Heute klappt es nicht. Ich versuche, an etwas Schönes zu denken, an etwas, das mich ablenkt von meinen Gedanken, die mich so schwer machen. Ich denke an Wasser. Wasser ist schön. Man kann sich treiben lassen und sich dabei vorstellen, dass man fliegt. Man fühlt sich im Wasser sofort ganz leicht, weil das Wasser einen trägt. Außerdem reinigt Wasser, nicht nur außen, sondern auch innen. Es hat eine große Kraft, mit deren Hilfe es die Gedanken wegspült, einfach so. Und dann ist man sauber. Ich mag das Gefühl, wenn Wasser meinen Körper umspielt und dabei glucksende Laute von sich gibt. Man fühlt sich so geborgen und sicher. Aber im Moment renne ich, und das ist nicht schön, besonders wenn man weiß, dass man zu schwer ist.

Man muss hart sein, wenn man etwas erreichen will, das weiß ich, und deswegen renne ich weiter, auch wenn es nicht schön ist. Meine Füße berühren nur noch ganz kurz den Boden, das ist ein gutes Zeichen, dann weiß ich, dass ich schnell bin. Schnell, aber trotzdem noch zu langsam. Und vor allem zu schwer. Ich fühle mich fremd in meinem eigenen Körper. Ich will nicht mehr länger ich selber sein, ich will nicht mehr ständig darüber nachdenken müssen, wer ich bin und wie ich sein sollte.

Wie so oft schiebt sich die Digitalanzeige unserer Waage vor meine Gedanken, vor meine Gedanken und vor alles, was in mir ist. Die Macht der Anzeige ist viel zu stark, ich komme nicht gegen sie an. Unerbittlich bildet sie mit roten Ziffern Zahlen, Zahlen, die viel zu groß und fast genauso mächtig wie die Waage sind. Aber ich bin auch mächtig, und ich kann kämpfen. Und das werde ich auch. Ich werde kämpfen, bis ich leicht bin wie eine Feder und mit den Schmetterlingen spielen und ihnen davonfliegen kann. Ich drücke meine Zähne so hart auf die Unterlippe, dass sie platzt und ich das warme Blut spüre, wenn ich mit der Zunge über die Stelle fahre. Ich balle meine Hände so fest zu Fäusten, dass sich meine Fingernägel in die Innenflächen meiner Hände bohren und Druckstellen hinterlassen.

Und ich renne. Das ist der Kampf, und er ist hart, aber man muss kämpfen, sonst erreicht man nichts. Das sagt Vater auch immer. Du kriegst nichts geschenkt, du musst schon was tun, du musst schon kämpfen, sonst wirst du nie was erreichen. Also kämpfe ich. Nicht so, wie er will, das weiß ich, aber so, wie ich will.

Als Feder muss man nicht kämpfen. Als Federmuss man keine Erwartungen erfüllen, als Feder muss man nicht die enttäuschten Gesichter ertragen, wenn wieder mal etwas nicht so ist, wie es sein sollte. Ich kann es kaum abwarten, endlich eine Feder zu sein und davonzuschweben. Ich freue mich so darauf. Dann wird endlich alles gut. Dann kann ich endlich ich selber sein, dann muss ich mich endlich nicht mehr verstellen. Wenn ich eine Feder bin.