Anorexia nervosa oder Magersucht

Die Anorexia nervosa, auch Anorexia mentalis oder Magersucht genannt, ist eine psychische Störung aus dem Bereich der seelisch bedingten Essstörungen.

Anorexia nervosa ist nicht gleichbedeutend mit dem Begriff Anorexie, welcher lediglich ganz allgemein eine Appetitlosigkeit beschreibt, gleich welcher Ursache.

 

Entstehung

Für die Entstehung der Magersucht werden eine erbliche Komponente und verschiedene Umweltfaktoren als Auslöser angesehen. Die Krankheit tritt bei Frauen in westlichen Gesellschaften gehäuft auf.

Die Zwillingsforschung hat eine familiäre Häufung der Erkrankung nachgewiesen, jedoch konnten noch keine Gene identifiziert werden, mit welchen eindeutig eine entsprechende Disposition einhergeht. Die Forschung konzentriert sich zur Zeit besonders auf Gene, die im Zusammenhang mit dem Neurotransmitter-System von Serotonin stehen.

Hinzu kommt eine Reihe individueller Umweltfaktoren: Allgemein sind dies Erfahrungen, die die überwiegend jungen weiblichen Patienten besonders auf ihr Aussehen und Gewicht sensibilisieren. Häufig werden kritische Kommentare von Familie und Freunden über das Essverhalten, Gewicht etc. gefunden. In den westlichen Industrienationen herrscht darüber hinaus auch ein kulturelle Druck auf Frauen, schlank zu sein. Dieses Schönheitsideal wird zumeist durch die Massenmedien transportiert. Schlankheit und gutes Aussehen wird vor allem in der Werbung häufig mit beruflichem und sozialem Erfolg verknüpft. Gleichzeitig werden Diäten als Mittel zum Erreichen dieses Ideals angepriesen. Aus diesem Grund ist eine Diät häufig ein Einstieg in diese Erkrankung.

Auch ungünstige Voraussetzungen in den Herkunftsfamilien („adverse parenting“ werden als Ursache für die Entwicklung einer Anorexie angenommen. Im Mittelpunkt steht hierbei vor allem geringer Kontakt, emotionale Kälte, geringe Zuneigung und hohe Erwartungen (Vermaschung) der Eltern. Aus systemisch-familientherapeutischer Sicht herrscht in Anorexiefamilien ein grosses Harmoniestreben der Familienmitglieder untereinander, eine Auseinandersetzung mit Konflikten und negativen Gefühlen (Wut, Zorn, Unsicherheit, Ängste) findet nicht statt. Die Mütter magersüchtiger Patient(inn)en sind häufig übermäßig ängstlich und unselbstbewusst.

Auch schwere psychische Traumatisierungen, wie z. B. sexueller Missbrauch oder Misshandlung sind in der Vorgeschichte von Anorexiepatienten zu finden.

Ein schwaches Selbstbewusstsein und Perfektionismus sind Persönlichkeitszüge, die häufig schon vor Ausbruch der Erkrankung vorhanden sind.

Das Zusammenwirken all dieser Faktoren nennt sich „psychobiologisch-soziales Modell“. Der Hauptgrund für Magersucht ist heute laut der Mehrzahl der Therapeuten in der Familie zu suchen. In den meisten Fällen handelt es sich um eine unauffällige bürgerliche Familie. Sie stellt sich selbst gern als absolut „intakt“ dar, die Meinung von Außenstehenden hat höchste Priorität — insbesondere in Bezug auf die Patientin. Sind Jugendliche betroffen, kann oft ein erhöhter Leistungsdruck von Seiten der Eltern festgestellt werden. Sollte dieses Bemühen enttäuscht werden, wird dies in vielen Fällen nicht mit offensichtlichen Strafen geahndet, sondern mit dem Vorwurf des enttäuschten Vertrauens in das Kind. Das Bild der „eiserne[n] Faust im seidenen Handschuh“ vermittelt dies eindrucksvoll. Beachtung sollte zudem die Vermaschung finden. Gemeint ist damit die Inbesitznahme des Lebens des Patienten durch die Eltern sowie das Fehlen jeglicher Privatsphäre. Natürlich gibt es trotzdem nicht die anorektische Familie. Auch konnte in der Biographie von Essstörungen überdurchschnittlich häufig sexuellem Missbrauch gefunden werden. Allerdings überwiegend bei der Bulimia nervosa. Es ist allerdings nicht eindeutig geklärt, ob dies tatsächlich ein ätiologisches Merkmal ist.

Magersucht kann auch Begleiterscheinung von Depressionen oder selbstverletzendem Verhalten sein, oder wie alle Essstörungen auch als eine seiner Formen interpretiert werden, oder aber selbst von diesen Störungen begleitet sein. Des Weiteren neigen Patienten mit Anorexia nervosa zu zwanghaftem Verhalten bzw. Perfektionismus in allen Lebensbereichen.

Für die Patientin ist die Magersucht in erster Linie eine Abwehr von Fremdbestimmung. Die Kontrolle über den eigenen Körper (z. B. durch Kalorien-Zählen) ist eine Form der Ohnmachtsbewältigung im Prozess der Adoleszenz. Magersucht ist fast immer nur ein Symptom eines tiefer liegenden psychischen (und sozialen) Problems, das behandelt werden muss. Eine Symptomtherapie (wie z. B. mit Pharmazeutika) ist alleine meist nicht ausreichend. So ist das Schlankwerden oft nur zu Beginn der Krankheit als zentrales Motiv. Gerade von langjährig Betroffenen wird das Abnehmen häufig als Sucht erfahren.

Die kognitiv-verhaltenstheoretische Sichtweise sieht die Angst vor dem Dickwerden und die gestörte Wahrnehmung des eigenen Körpers als motivierenden Faktor an (Störung des „Körperschemas“. Hier spielt sowohl die Kritik von Gleichaltrigen als auch der Eltern sowie das von den Medien transportierte Schlankheitsideal eine große Rolle. Die gezielte Gewichtsabnahme reduziert die Angst und macht so das Abnehmen zu einem wirkungsvollen Verstärker.

Die psychoanalytische Theorie sieht die Hauptursache von Essstörungen in einer gestörten Mutter-Tochter-Beziehung. Ein zentraler Konflikt ist das Streben nach Autonomie was zu einer Loslösung einer als stark erlebten Abhängigkeit von der Mutter und deren Kontrolle führen soll („Abhängigkeits- Autonomiekonflikt“. Anorektische Personen versuchen aber auch, durch die Kontrolle über ihr Gewicht ihren Selbstwert zu stabilisieren („Selbstwertkonflikte“ sowie durch ihre Schlankheit eine unabhängige Identität zu erlangen. („Identitäskonflikt“. Diese Konflikte können psychisch nicht symbolisiert, also gedacht werden. Der Ausdruck der Konflikte und ihre Kommunikation nach außen geschieht über das Körperliche. Dabei soll Selbstkontrolle des eigenen Körpers erreicht werden. Gleichzeitig lehnt die Betroffene eine erwachsene, weibliche Identität und damit auch die weiblichen Formen ab. Dies wird häufig als Abwehr von Triebwünschen verstanden. Die Beherrschung des eigenen Körpers wird zu einem Mittel, Wünsche nach Autonomie, im Gegensatz zu der Angst vor der Trennung von der Mutter, die in der Adoleszenz wiederaufleben. Das aggressive Streben nach Autonomie, das sich häufig in der Adoleszenz zeigt, wird somit über den Körper ausgelebt. Darüber hinaus wird die Unfähigkeit die Konflikte psychisch zu symbolisieren als strukturelle Störung unterschiedlicher Stärke betrachtet.

 

Diagnose

Die Diagnose ergibt sich aus einem ausführlichen diagnostischen Interview, das offen oder mit Hilfe von Checklisten erfolgen kann. Im Anschluss daran erfolgen weitere Tests, z. B. ein EKG und ein Bluttest, um körperliche Begleiterscheinungen des Untergewichts zu erfassen. Besteht der Verdacht, dass andere Ursachen das Untergewicht verursacht haben (siehe Differentialdiagnose), werden weitere Untersuchungen veranlasst.

Die nachfolgenden Kriterien müssen für eine Diagnose erfüllt sein, wobei für Deutschland der ICD-10 entscheidend ist.

ICD-10-Diagnosekriterien für Anorexia nervosa DSM-IV-Diagnosekriterien für Anorexia nervosa
  • Tatsächliches Körpergewicht mind. 15% unter dem zu erwartenden Gewicht oder Body-Mass-Index von 17,5 oder weniger (bei Erwachsenen)
  • Der Gewichtsverlust ist selbst herbeigeführt durch Vermeidung von hochkalorischer Nahrung und zusätzlich mind. eine der folgenden Möglichkeiten:
    • selbstinduziertes Erbrechen
    • selbstinduziertes Abführen
    • übertriebene körperliche Aktivität
    • Gebrauch von Appetitzüglern und/oder Diuretika
  • Körperschemastörung in Form einer spezifischen psychischen Störung
  • Endokrine Störungen, bei Frauen manifest als Amenorrhö
  • Bei Beginn der Erkrankung vor der Pubertät ist die Abfolge der pubertären Entwicklung gestört
  • Niedriges Körpergewicht, weniger als 85 % des zu erwartenden Gewichts
  • Große Angst vor Gewichtszunahme
  • Strikte Kontrolle der Nahrungsaufnahme
  • Körperschemastörung:
    • Übertriebener Einfluss des Gewichts auf die Selbstwertung
    • Krankheitsverleugnung
  • (nur bei Frauen) sekundäre Amenorrhö

Nach DSM-IV existieren zwei Unterkategorien der Anorexia Nervosa:

  1. Anorexia nervosa vom restriktiven Typus Sie zeichnet sich durch bloßes Verzichten auf Nahrung bzw. besonders hochkalorischer Nahrung aus.
  2. Anorexia nervosa vom Purging Typus Durch kompensatorische Verhaltensweisen, wie selbstinduziertes Erbrechen, Abführmittel oder Entwässerungsmittel wird der Kalorienaufnahme entgegengewirkt. Dabei ist ein deutlicher Gewichtsverlust zu beobachten.

Die aktuelle, nur in Deutschland gültige Version des ICD-10, ICD-10-GM-2008, übernimmt diese Unterscheidung und codiert nach F50.00 beziehungsweise F50.01.

 

 


 

 

 

Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Anorexia_nervosa